Öffnungszeiten

Mi–Do 10–17
Fr 14–17
Sa 13–18h
So u. Feiertags 11–18h


Eintritt frei!

LOB DER DISTANZ

21/05–04/07/2021

Pressematerial anzeigen

Digitale Eröffnung: 20/05/2021 19h (hier auf der Website und auf unseren Social Media Kanälen)

Künstler*innen:
Dennis Graef, Dan Graham, Ilka Meyer, Meike Redeker, Corinna Schnitt

kuratiert von Justin Hoffmann

Die Betrachtung aus einem Abstand kann die Beziehungen zu anderen stärken und neu bestimmen. Der distanzierte Blick bedeutet aber auch ein höheres Maß von Reflexion und Objektivität. Er schafft einen Überblick. Nicht direkt in Angelegenheiten involviert zu sein, kann ein Mehr an unabhängiger Betrachtung bedeuten. Der Ausdruck „Abstand zu etwas gewinnen“ bedeutet, eine Position einzunehmen, in der man Sachverhalte klarer sehen und Vorgänge genauer betrachten kann. Die Pandemie hat uns gezeigt, dass die Distanz neben offensichtlich negativen auch ihre positiven Seiten hat und Beziehungen neu determiniert. Durch die praktizierten Schutzmaßnahmen hat der Abstand einen sozialen Charakter gewonnen und damit eine neue Relevanz erlangt.
Die Betrachtung von Abstandsverhältnissen und Trennungen kann auch ein Thema der künstlerischen Praxis sein. Auch vor der Pandemie-Krise beschäftigten sich Künstler*innen mit Strategien der Distanzierung und der entfernten Sicht. Sie reflektierten die Auswirkungen von Entfernungen und die Machtverhältnisse, die sie erzeugen.
Der US-amerikanische Künstler Dan Graham stellt mit Hilfe von Zeichnungen, Skulpturen und Installationen räumliche Situationen her, die die Relation von Sehen und Gesehen werden und damit den Machtanspruch moderner Architekturen veranschaulichen. Dennis Graef und Meike Redeker sind Künstler*innen der Region, die sich mit Grenzen und Grenzüberschreitungen beschäftigen und die speziell zu dieser Thematik Arbeiten für Lob der Distanz produziert haben. Wenn man die Hochsitze von Ilka Meyers Installation “Gegenüber” in den Innenraum verlegt, bietet dies eine ungewohnte, „abgehobene“ Sicht auf die Ausstellungsexponate. Der Betrachter gewinnt mit dem Blick von oben eine besondere Form der Übersicht. In Corinna Schnitts Video “Vollendete Vernunft” rufen sich Personen aus weiter Entfernung mit Hilfe von Megaphonen alltägliche Sätze zu – für die Künstlerin eine Metapher für die oft banale Kommunikation auf Social Media.

Mit freundlicher Unterstützung der Hanns-Lilje-Stiftung, der Stadt Wolfsburg und dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

Too much power (too little power)

17/03–02/05/2021

Pressematerial anzeigen

Künstler*innen: BRR (Bezugsgruppe Rainer Rauch, Chen Efraty, Enric Fort Ballester, Stefan Hurtig, Mijin Hyun

Das Bedürfnis nach mehr Energie findet man nicht nur im ökonomischen und ökologischen Bereich, es erlebt auch jedes Individuum an sich selbst. Bei einem ausgewogenen Energiehaushalt nimmt der menschliche Körper genauso viel Energie auf, wie er verbraucht. Nimmt er mehr auf, ist seine Energiebilanz positiv, nimmt er weniger auf, ist sie negativ. In unserer Gesellschaft wird der persönliche Energiehaushalt zu einer zentralen Frage des Alltagslebens. Nicht selten steht der Mensch unter dem äußeren Druck, mehr Energie aufzuwenden als er hat. Er braucht mehr Energie, um bessere Leistungen zu bringen. In Folge werden verschiedene Formen der Leistungssteigerung praktiziert: Das Spektrum umfasst biologische Aspekte wie das Schlafen, verschiedene Formen des Körpertrainings, der Aufnahme von leistungssteigernden Substanzen bis hin zu eher psychologischen Faktoren wie Musik oder Methoden der Meditation und Konzentration. All diese Praxen dienen zur Selbstoptimierung des Menschen.

Laut Einschätzung des Philosophen Byung-Chul Han begreift sich der Mensch der modernen Gesellschaft nicht mehr als Subjekt im traditionellen Sinn, sondern als Projekt, das sich immer wieder neu erfindet. Er wird zum Entwurf für ein ideales Ich und setzt so einen unaufhörlichen Prozess in Gang, der als Freiheit gedeutet wird. Er will stets seine Leistung verbessern und sich entsprechend umgestalten. Er ist dabei Herr:in und Sklav:in, Unternehmer:in und Arbeiter:in zugleich. Als Projekt unterliegt er nicht äußeren Zwängen, er setzt sich seine eigenen Grenzen. Kreativität wird zum Must. Diese Entwicklung wurde durch die Pandemie vorangetrieben: Der Lockdown zwang viele, zuhause, in ihrem privaten Bereich zu arbeiten. Der Wohnraum wurde zum Büro, zur Agentur oder Werkstatt. Der Mensch wird unabhängiger. Sein Arbeitsumfeld gleicht immer mehr dem eines Selbstständigen. Im heutigen globalen Wirtschaftssystem wird man nicht ausgebeutet, man beutet (sich) selbst aus. Das permanente Neugestalten führt zu einer Erschöpfung des Individuums. Er fühlt sich dauerhaft müde. Too much power (Too little power) greift diese Ungleichgewichte – das Zuviel und das Zuwenig an Energie – thematisch auf. Ein Bereich der Ausstellung präsentiert Werke, die auf starkem physischen Einsatz basieren und die Limits der eigenen Stärke erfahrbar machen.

Enric Fort Ballester ist ein spanischer Performancekünstler, der Fragen der Macht anspricht und mittels experimenteller Handlungen immer wieder die Grenzen seines Körpers austestet.
Ein Video der Künstlerin Mijin Hyun läuft nur dann ab, wenn die Betrachter:innen extrem laut in eine sogenannte „Schreikiste“ schreien. Daneben zeigt die Ausstellung künstlerische Arbeiten, die den weit verbreiteten Wunsch nach mehr an Energie in seinen kuriosen Ausprägungen thematisieren. Das Kollektiv Bezugsgruppe Rainer Rauch kommentiert mit seiner Installation „Self Care Center“ den allgegenwärtigen Drang nach Selbstoptimierung, wie er insbesondere durch das Internet verbreitet wird. In einer Fotoserie richtet Stefan Hurtig den Fokus auf die Maschinenwelt der Fitness-Studios, die eine Modulierung des Körpers nach individuellen Wünschen versprechen.
Überkapazitäten sind grundsätzlich genauso wenig nützlich wie eine Unterversorgung an Energie. Die Anforderungen und spezifischen Verhältnisse bestimmen das richtige Maß an Energie. Das gilt auch für den persönlichen Bereich. Die Energie, die ein menschliches Individuum besitzt, muss sinnvoll eingesetzt und je nach Situation gesteigert oder gemindert werden. Das Gefühl der Erschöpfung, das bis zum Burnout führen kann, gilt als wachsendes gesellschaftliches Phänomen, das inzwischen sogar die Krankenkassen auf den Plan gerufen hat. Man könnte das Gefühl des Ausgepowert-Seins als Folge eines unausgewogenen Energiehaushalts bezeichnen. Die heutige Leistungsgesellschaft bedarf einer flexiblen Person, um die Produktion zu steigen. Da hat das Austragen von Konflikten keinen Platz, sie sind einfach zu zeitintensiv. Byung-Chul Han zufolge ist der Burnout die pathologische Folge einer freiwilligen Selbstausbeutung. Das Leistungssubjekt konkurriert mit sich selbst und gerät in den destruktiven Zwang, sich ständig selbst überbieten zu müssen.

Auch eine künstlerische Arbeit, die sich mit diesem spezifischen Aspekt beschäftigt, wird in der Ausstellung präsentiert: Chen Efraty geht in ihrem Ausstellungsbeitrag einen radikalen Schritt und entsagt ihrem Künstlerinnendasein. In Form einer doppelten Videoprojektion berichtet sie,warum sie keine Energie mehr besitzt, künstlerische Arbeiten zu produzieren.

 

Die Ausstellung wurde freundlicherweise gefördert von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg, der Stadt Wolfsburg und vom Land Niedersachsen.

Erneuerbare Medien

28/08–08/11/2020

Pressematerial anzeigen

Eröffnung: 27/08 um 19 h *
Künstler*innen: Aram Bartholl, Joseph Beuys, Joaquin Fargas, Christina Hemauer & Roman Keller, Martin Kaltwasser, Emanuel Mooner, Ingo Schulz

Pop Up Shop mit Produkten von Little Sun
(gegründet von Olafur Eliasson)

Raum für Freunde: arteen 2020: NRG!
Laufzeit: 28/08 – 20/09/2020

Die Ausstellung „Erneuerbare Medien“ ist ein Versuch, Technologie, Ökologie und künstlerische Praxis zusammen zu bringen. Erneuerbare Energiequellen und Nachhaltigkeit sind Themen von hoher gesellschaftlicher Brisanz und aktuell wie nie zuvor. Auch die Kunstwelt macht sich immer mehr Gedanken dazu. Auch die Kunstwelt muss gängige Muster hinterfragen und denken. Inwieweit kann und muss man sich in der Kunstproduktion und Ausstellungspraxis ebenfalls um das Energiesparen und die Nutzung regenerativer Ressourcen kümmern? Wie weit kann sich der Kunstbetrieb gegen den drohenden Klimawandel engagieren? Wie kann sich dieses Engagement konkret in den Medien der Kunst niederschlagen? „Erneuerbare Medien“ versammelt künstlerische Arbeiten, welche auf regenerativen Energien beruhen oder sie thematisieren.

Als einer der Vorläufer dieser interventionistischen Kunstrichtung gilt Joseph Beuys. Als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts beschäftigte er sich schon sehr früh mit dem Thema der Energie, stets in enger Verbindung mit Natur und Ökologie. Der Kunstverein zeigt die Arbeit „Phosphor-Kreuzschlitten“von 1972. Die vermeintlich erste, mit Solar-Akku betriebene Kunstausstellung Deutschlands präsentierte im Sommer 2019 der Münchner Künstler Emanuel Mooner. Sein Konzept der solarbetriebenen Kunst ist site-specific. Für die Ausstellung im Kunstverein Wolfsburg 2020 entwickelt er ein vergleichbares Projekt wie in München: Er transformiert mittels eines Frequenzwandlers Informationen von Pflanzenblättern in MIDI-Daten, die Klänge erzeugen. Titel: „The Singing Garden“. Ebenfalls mit Sonnenenergie arbeitet Joaquin Fargas. Sein Roboter mit dem Namen „Glaciator“ (2011) arbeitet in der Antarktis mit Solarenergie. Seine Aufgabe besteht darin, Schnee zu Eis zu verdichten. Das von ihm produzierte Eis soll in gewisser Weise das Eis, das durch die Erderwärmung schmilzt, kompensieren.
Auch die Soundinstallation „Trockenübungen“ (2016) von Ingo Schulz wird solarbetrieben. Seine Gruppe von Kreisregnern, ihrer eigentlichen Aufgabe, dem Wassersprengen, beraubt, produziert angetrieben vom Sonnenlicht ein polyrhythmisches, mehrstimmiges Stück. Schon seit langem setzten sich die Schweizer Künstler*innen Christina Hemauer und Roman Keller mit den unterschiedlichsten Formen der alternativen Energiequellen auseinander. Im Kunstverein Wolfsburg präsentieren sie nun drei ihrer themenspezifischen Arbeiten, unter anderem „Come On Beuys Shine“ (2005), mit der sie direkten Bezug auf Joseph Beuys’ berühmte „Capri-Batterie“ (1985) nehmen.
Die grundlegende Frage nach ressourcenschonender Energiegewinnung und Nachhaltigkeit beschäftigt auch Martin Kaltwasser seit jeher. Lösungen sucht er dafür im urbanen Raum unter Einbeziehung der Bedingungen städtischen Lebens und den Bedürfnissen der Gemeinschaft. In Zusammenarbeit mit Folke Köbberling entstand 2003 das Kraftwerk Lohberg, in dem auf stationären Pedalkraftmaschinen, hergestellt aus recycelten Materialien, allein durch menschliche Bewegung real nutzbare Elektroenergie erzeugt wird. Aram Bartholl untersucht die Folgen digitaler Medien und die daraus resultierenden Veränderungen für die Gesellschaft. Seine Installation „Life is a beach and then you die“ (2019) stellt essentielle Fragen: Wie nutzen wir unsere Lebenszeit in der mediendominierten Gegenwart ? Wie viele Stunden verbringen wir mit der Arbeit vor Bildschirmen? Wie viel Energie geht dadurch verloren?

*Die Eröffnung fand aufgrund der Pandemie im Freien im Schlosspark statt, eine begrenzte Anzahl an Besuchern konnte nach erfolgreicher Anmeldung teilnehmen. Der offizielle Part wurde per Livestream übertragen und kann hier nachträglich geschaut werden.

 

Die Ausstellung ist ein Projekt der phaenomenale und wird gefördert vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, der Stiftung Niedersachsen, Neuland und der Stadt Wolfsburg.

arti 2020: Mit Energie

19/06–09/08/2020

Pressematerial anzeigen

Eröffnung und Preisverleihung: 18/06/2020, 19 Uhr*

Künstler*innen: atelier für zukünfte, Anita Marijana Bajic, Axel Bosse, Luz Helena Marin Guzmán, Jörg Hennings, Eileen Lofink, Tarabea Guastavino San Martin, Anna Miethe, Hellen Niemann/Linus T. Schulz,Walter Winter

Der alle zwei Jahre vom Kunstverein Wolfsburg ausgeschriebene Wettbewerb richtet sich an Künstler*innen mit Wohnsitz und Lebensmittelpunkt in Wolfsburg. Er bietet den künstlerisch Schaffenden eine Plattform für lebendigen Austausch und dient der Förderung der lokalen Kunstszene. Wie bereits in den vergangenen Jahren orientiert sich die Ausschreibung thematisch am Jahresmotto des Kunstverein Wolfsburg, das 2020 „Alles eine Frage der Energie“ lautet. Der 8. arti lief daher unter dem Titel „Mit Energie“.

Aufgrund der Pandemie wurden erstmals die Möglichkeiten der Einreichung erweitert, um allen Teilnehmern maximale Sicherheit zu gewährleisten. Ob postalisch, online oder unter Einhaltung der Hygieneverordnungen vor Ort: Trotz Corona wurden von 35 Künstler*innen bis zu drei, meist extra für den Wettbewerb konzipierte Arbeiten eingereicht.

Am 19.05.2020 begutachtete die Jury aus regionalen und überregionalen Expert*innen die zahlreichen Einreichungen und bestimmte zehn Nominierte, deren Arbeiten in der Ausstellung und in der Publikation vertreten sind. Unter diesen befinden sich auch die drei Preisträger*innen, die bei der Eröffnung mit einem Preisgeld  (1000 Euro für den ersten Patz, 500 Euro für den zweiten Platz, sowie 300 Euro für den dritten Platz) und einer Medaille ausgezeichnet wurden. In diesem Jahr bestand die Jury aus Sina Heffner (Künstlerin), Justin Hoffmann (Leiter, Kunstverein Wolfsburg), Stine Hollmann (Geschäftsführerin, Kunstverein Wolfenbüttel), Nele Kaczmarek (Kuratorin, Kunstverein Braunschweig) und Noor Mertens (Leiterin, Kunstverein Langenhagen).

Die Preisverleihung und –Ausstellungseröffnung 2020 fand aufgrund der Krisensituation erstmals online statt. Sie wurde am 18. Juni, 19h auf der Homepage des Kunstverein Wolfsburg per Livestream übertragen: Nur Redner*innen und Künstler*innen waren vor Ort anwesend. Musiker Johann Ehlers begleitete die Veranstaltung musikalisch mit Gesang und am Klavier. Erste Siegerin wurde die Künstlerin Luz Helena Marín Guzmán mit ihrer 103 Einzelbilder umfassenden, mit digitaler Zeichnung bearbeiteten Fotoserie  “Lockdown”. Der zweite Preis ging an Eileen Lofink für ihre Installation „from pure air we have descended“. Drittplatzierte wurde Anna Miethe mit ihrer Videoarbeit „x-raybbit“. Die Ausstellung zum arti 2020 zeigte die unterschiedlichen Positionen aller 10 nominierten Künstler*innen zum Wettbewerbsthema “Mit Energie”. Ausstellungsbegleitend erschien ein Katalog.

*Die Eröffnung und Preisverleihung kann hier nachträglich geschaut werden.

 

Mit freundlicher Unterstützung von Volkswagen, Volksbank BraWo und Stadt Wolfsburg

Folke Köbberling: Lifestyle Is Negotiable

28/02–10/05/2020

Pressematerial anzeigen

Eröffnung: Donnerstag, den 27. Februar 2020, 19 h

Parallel im Raum für Freunde: Energie+-
Arbeiten von Studierenden des Instituts für Architekturbezogene Kunst, TU Braunschweig

Laufzeit: 28/02 – 10/05/ 2020

Wer im Sommer letzten Jahres den Blick von der Berliner Brücke in Richtung Stadion schweifen ließ, hat es vielleicht entdeckt: Ein Fassadenteil des leerstehenden Wolfsburger Billen-Pavillons war mit Schafswolle eingekleidet. Mit der Installation Low Tech Isolation machte die Berliner Künstlerin Folke Köbberling auf alternatives und natürliches Dämmmaterial aufmerksam, mit dem sie schon lange experimentiert.

Passend zum Auftakt seines Jahresprogramms 2020 „Alles eine Frage der Energie“ widmet der Kunstverein Wolfsburg der Künstlerin die Einzelausstellung „Folke Köbberling –Lifestyle Is Negotiable“, die am Donnerstag, den 27. Februar 2020 um 19 Uhr eröffnet wird. Folke Köbberling sticht unter den Künstler*innen, die sich mit Nachhaltigkeit, Urbanismus und Ökologie beschäftigen, durch ihre Konsequenz besonders heraus. In diesem Sinne gleicht der Ausstellungstitel einer Aufforderung, sich des eigenen Lebensstils bewusst zu werden und ihn den gegenwärtigen globalen Bedingungen anzupassen. Sie bezieht damit eine konträre Position zu George Bush, der 1992 in einer Rede behauptete: “The American way of life is not negotiable!”(dt.: Der amerikanische Lebensstil ist nicht verhandelbar!). Dieser von der Künstlerin angestrebte Paradigmenwechsel ist angesichts der drohenden Klimakrise von hoher Aktualität und gut nachvollziehbar. Mit Arbeiten aus Schafswolle, mit wiederverwendetem Plastikmüll oder einem Umzug mithilfe der öffentlichen Verkehrsmittel bietet sie innovative Lösungsansätze auf ressourcen-und energiesparender Basis. Ihre direkte Herangehensweise wirkt erstmal überspitzt, grotesk und irritierend, spiegelt aber auch den Ideenreichtum der Künstlerin wider. Die Präsentation im Kunstverein Wolfsburg gibt einen Einblick in sowohl vergangene als auch aktuelle Projekte und nutzt den Ausstellungsraum für besondere ortsspezifische Interventionen.

Folke Köbberling (*1969) studierte Bildende Kunst in Kassel und Vancouver und kurzzeitig Architektur in Berlin. Die Künstlerin, die von 1998 bis 2013 mit Martin Kaltwasser  zusammenarbeitete und oft Arbeiten für den öffentlichen Raum realisierte, nahm weltweit an Ausstellungen teil und war bereits an zwei Gruppenausstellungen (2004, 2005) des Kunstverein Wolfsburg beteiligt. Seit 2016 hat sie die Professur für Künstlerisches Gestalten am Institut für Architekturbezogene Kunst an der TU Braunschweig inne. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Braunschweig.

 

Die Ausstellung wird gefördert vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, der Stadt Wolfsburg sowie der Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg.

 

V für Verantwortung

22/11/2019–02/02/2020

Pressematerial anzeigen

Eröffnung: 21/11/19, 19 Uhr

Künstler*innen: Giulia Bowinkel & Friedemann Banz, Stefan Hurtig, Jan Neukirchen, Xin Xin, Pinar Yoldas

Kuratiert von: Jennifer Bork

Der Titel der Ausstellung lehnt sich an die bekannte Graphik-Novel V für Vendetta von Alan Moore und David Lloyd an, aus dem Anonymous die Verwendung der Guy Fawkes-Maske entlehnt hat. Die Frage nach der Verantwortlichkeit erscheint als eine der drängendsten in Bezug auf die Digitalisierung. Die Komplexität von Handlungsauswirkungen erreicht durch die technischen Möglichkeiten und die globale Vernetzung im 21. Jahrhundert noch einmal eine ganz andere Dimension. Die Ausstellung „V für Verantwortung“, die am 21. November, um 19 Uhr eröffnet wird, zeigt daher künstlerische Positionen, die sich mit dieser Thematik beschäftigen.

Die Auseinandersetzung mit der Definition und den ethischen Voraussetzungen von Verantwortung geht weit zurück, muss aber immer im historischen Kontext gesehen werden. So hatte die beginnende Ausbildung einer globalisierten, transnationalen Gesellschaft Max Weber bereits 1919 zu einer Differenzierung von „Gesinnungsethik“ und „Verantwortungsethik“ veranlasst. Gesinnungsethik basiertdarauf, eine Entscheidung abhängig von der Reinheit der dahinterliegenden Absicht und der Orientierung an einem äußeren Regelwerk zu treffen. Die Verantwortungsethik dagegen bezieht Folgen- und Nebenfolgeneffekte in die Beurteilung einer Entscheidung mit ein. Dies können intendierte Folgen, aber auch sogenannte Kollateralschäden sein, die durch die getroffene Entscheidung mit ausgelöst werden. In den immer komplexer werdenden Abläufen heutiger Systeme und Prozesse entstehen zum Teil mehr Nebenfolgen als intendierte Folgen.

Der Begriff der Verantwortung ist daher besonders in komplexen Netzwerken, wie sie durch die technischen Voraussetzungen digitaler Medien geschaffen wurden, zentral, wie auch die Wissenschaftlerin Danah Boyd betont. In solchen Netzwerken zerfällt die Verantwortung in eine undurchschaubare Anzahl von Knotenpunkten aus verschiedenen Akteur*innen, die unterschiedliche Technologien verwenden. Boyd sieht in diesem „Verstärkungsökosystem“ eine neue Form von Bürokratie. Jede*r fühlt sich nur als Teil des Systems und damit nicht persönlich und moralisch verpflichtet. Die Macht liegt scheinbar im System selber. Es kommt zu einer Verantwortungsdiffusion. Eine Besonderheit in dieser neuen Bürokratieform ist jedoch, dass die einzelnen „Verstärker“ sehr divers sein können: Ein*e Blogger*in oder ein*e Jugendliche*r kann aufgrund seines*ihres Wissens über Technologie und die Kommunikationsabläufe im Netz einen ebenso großen Einfluss erlangen wie ein Unternehmen oder ein*e Politiker*in.

Damit bedeutet die beschriebene Struktur auch, dass die Einzelperson, sich ihrer Rolle als Stellschraube innerhalb dieses Netzwerkes bewusst werden und den weiteren Verlauf beeinflussen kann. Dies kann eine ethische oder ökologische Verantwortung sein, die ein*e Entwickler*in übernimmt oder z. B. ein*e Whistleblower*in. Der Kunst kommt hierbei auch eine immer stärkere Bedeutung zu. Künstler*innen werden zu Aktivist*innen und wenden diverse technische Möglichkeiten an und eignen sich somit einen Teil der Verantwortung im Informations-Ökosystem wieder an. Die Ausstellung möchte sich dem Umgang mit ethischen Begriffen sowie der Darstellbarkeit unendlich vernetzter Strukturen und utopischen, spekulativen Szenarien aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz annehmen.

Das Künstler*innenduo Banz & Bowinkel zeigt ein Video aus Schnipseln von Vorträgen beispielsweise der Singularity School im Silicon Valley. Sie handeln von exponentiellem Wachstum, wie dem Zeitpunkt an dem sich die künstlichen Intelligenzen so rasch selbst optimieren werden, dass sie den Menschen obsolet machen könnte. Die vier Arbeiten von Stefan Hurtig hinterfragen die Vereinnahmung von ethischen Begriffen wie Glück, Moral, Verantwortung oder Kreativität durch kapitalistische Mechanismen. Jan Neukirchen visualisiert Daten und macht damit die Struktur von Kommentaren auf bekannten Plattformen wie Reddit deutlich. Sie verdeutlichen wie ein Gesprächs-Hauptstrang teils völlig unvorhergesehene Nebenstränge „auslösen“ kann, was den Begriff der Verantwortung noch einmal anders thematisiert. Xin Xin/Sanglim Han/Jen Agosta zeigen filmisch Verbindungen zwischen der Struktur von Algorithmen einerseits und der Unterdrückung bestimmter Ethnien, Geschlechter etc. andererseits auf, Teil der Arbeit ist ein Interview mit Dr. Umoja Noble über die Manifestation rassistischer Klischees durch Suchmaschinen. Pinar Yoldas wagt mit einer Videoinstallation einen Blick in das Jahr 2039, in der eine Katze erklärt, welche Gründe und gesellschaftlichen Ereignisse dazu führten, dass sie als Künstliche Intelligenz die Herrschaft übernommen hat.