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Too much power (too little power)

17/03–02/05/2021

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Künstler*innen: BRR (Bezugsgruppe Rainer Rauch, Chen Efraty, Enric Fort Ballester, Stefan Hurtig, Mijin Hyun

Das Bedürfnis nach mehr Energie findet man nicht nur im ökonomischen und ökologischen Bereich, es erlebt auch jedes Individuum an sich selbst. Bei einem ausgewogenen Energiehaushalt nimmt der menschliche Körper genauso viel Energie auf, wie er verbraucht. Nimmt er mehr auf, ist seine Energiebilanz positiv, nimmt er weniger auf, ist sie negativ. In unserer Gesellschaft wird der persönliche Energiehaushalt zu einer zentralen Frage des Alltagslebens. Nicht selten steht der Mensch unter dem äußeren Druck, mehr Energie aufzuwenden als er hat. Er braucht mehr Energie, um bessere Leistungen zu bringen. In Folge werden verschiedene Formen der Leistungssteigerung praktiziert: Das Spektrum umfasst biologische Aspekte wie das Schlafen, verschiedene Formen des Körpertrainings, der Aufnahme von leistungssteigernden Substanzen bis hin zu eher psychologischen Faktoren wie Musik oder Methoden der Meditation und Konzentration. All diese Praxen dienen zur Selbstoptimierung des Menschen.

Laut Einschätzung des Philosophen Byung-Chul Han begreift sich der Mensch der modernen Gesellschaft nicht mehr als Subjekt im traditionellen Sinn, sondern als Projekt, das sich immer wieder neu erfindet. Er wird zum Entwurf für ein ideales Ich und setzt so einen unaufhörlichen Prozess in Gang, der als Freiheit gedeutet wird. Er will stets seine Leistung verbessern und sich entsprechend umgestalten. Er ist dabei Herr:in und Sklav:in, Unternehmer:in und Arbeiter:in zugleich. Als Projekt unterliegt er nicht äußeren Zwängen, er setzt sich seine eigenen Grenzen. Kreativität wird zum Must. Diese Entwicklung wurde durch die Pandemie vorangetrieben: Der Lockdown zwang viele, zuhause, in ihrem privaten Bereich zu arbeiten. Der Wohnraum wurde zum Büro, zur Agentur oder Werkstatt. Der Mensch wird unabhängiger. Sein Arbeitsumfeld gleicht immer mehr dem eines Selbstständigen. Im heutigen globalen Wirtschaftssystem wird man nicht ausgebeutet, man beutet (sich) selbst aus. Das permanente Neugestalten führt zu einer Erschöpfung des Individuums. Er fühlt sich dauerhaft müde. Too much power (Too little power) greift diese Ungleichgewichte – das Zuviel und das Zuwenig an Energie – thematisch auf. Ein Bereich der Ausstellung präsentiert Werke, die auf starkem physischen Einsatz basieren und die Limits der eigenen Stärke erfahrbar machen.

Enric Fort Ballester ist ein spanischer Performancekünstler, der Fragen der Macht anspricht und mittels experimenteller Handlungen immer wieder die Grenzen seines Körpers austestet.
Ein Video der Künstlerin Mijin Hyun läuft nur dann ab, wenn die Betrachter:innen extrem laut in eine sogenannte „Schreikiste“ schreien. Daneben zeigt die Ausstellung künstlerische Arbeiten, die den weit verbreiteten Wunsch nach mehr an Energie in seinen kuriosen Ausprägungen thematisieren. Das Kollektiv Bezugsgruppe Rainer Rauch kommentiert mit seiner Installation „Self Care Center“ den allgegenwärtigen Drang nach Selbstoptimierung, wie er insbesondere durch das Internet verbreitet wird. In einer Fotoserie richtet Stefan Hurtig den Fokus auf die Maschinenwelt der Fitness-Studios, die eine Modulierung des Körpers nach individuellen Wünschen versprechen.
Überkapazitäten sind grundsätzlich genauso wenig nützlich wie eine Unterversorgung an Energie. Die Anforderungen und spezifischen Verhältnisse bestimmen das richtige Maß an Energie. Das gilt auch für den persönlichen Bereich. Die Energie, die ein menschliches Individuum besitzt, muss sinnvoll eingesetzt und je nach Situation gesteigert oder gemindert werden. Das Gefühl der Erschöpfung, das bis zum Burnout führen kann, gilt als wachsendes gesellschaftliches Phänomen, das inzwischen sogar die Krankenkassen auf den Plan gerufen hat. Man könnte das Gefühl des Ausgepowert-Seins als Folge eines unausgewogenen Energiehaushalts bezeichnen. Die heutige Leistungsgesellschaft bedarf einer flexiblen Person, um die Produktion zu steigen. Da hat das Austragen von Konflikten keinen Platz, sie sind einfach zu zeitintensiv. Byung-Chul Han zufolge ist der Burnout die pathologische Folge einer freiwilligen Selbstausbeutung. Das Leistungssubjekt konkurriert mit sich selbst und gerät in den destruktiven Zwang, sich ständig selbst überbieten zu müssen.

Auch eine künstlerische Arbeit, die sich mit diesem spezifischen Aspekt beschäftigt, wird in der Ausstellung präsentiert: Chen Efraty geht in ihrem Ausstellungsbeitrag einen radikalen Schritt und entsagt ihrem Künstlerinnendasein. In Form einer doppelten Videoprojektion berichtet sie,warum sie keine Energie mehr besitzt, künstlerische Arbeiten zu produzieren.

 

Die Ausstellung wurde freundlicherweise gefördert von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, der Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg, der Stadt Wolfsburg und vom Land Niedersachsen.